20s reloaded - Interview mit Bernd Wagner

Avatar of Thomas StolcisThomas Stolcis - 08. Juni 2020 - #Sound

Hinter jeder neuen Serie steckt ein langer Arbeitsprozess. Von der einfachen Idee bis hin zum fertigen Produkt vergehen Monate an Denkarbeit, Designarbeit und der Suche nach der richtigen Umsetzung. Wir haben mit unserem Produktmanager Bernd Wagner über den Entwicklungsprozess der neuen "20s reloaded-Serie" gesprochen. 

Wie kamst du auf die Idee zu der Serie „20s reloaded“?

Mein Plan war im Januar 2019, ein paar wenige Modelle zu kreieren, die ein etwas klassischeres Outfit, Schlichtheit und gleichzeitig Eleganz, und natürlich, unserem Konzept entsprechend, viel Gitarre zum erschwinglichen Preis bieten. Das Ganze sollte sich auf der etwas kleineren Folk-Form abspielen, die wir im Vorjahr bei der Noir-Serie erfolgreich am Markt eingeführt hatten und die ja von unserer Auditorium-Form nicht weit entfernt ist. Eine neue Serie war zunächst eigentlich nicht geplant. Die neuen Modelle sollten in der für alle Stilarten offenen X-Serie platziert werden.

„Hinter jedem auf den Markt kommenden Modell stecken wenigstens zehn Modelle, die man wieder verwirft.“

Ich habe zunächst grundsätzlich in Sachen Styling, Ausstattung, Farben etc., aber natürlich auch Machbarkeit, Zeitgeschmack überlegt. Das ist immer ein zäher, langwieriger Prozess, bis eine Grundidee da ist. Hinter jedem auf den Markt kommenden Modell stecken wenigstens zehn Modelle, die man wieder verwirft. Natürlich wird Marktforschung betrieben, man möchte ja am Ende auch seine Zielgruppe erreichen und ein gutes, solides und  rundum brauchbares sowie natürlich optisch ansprechendes Instrument schaffen. 

Wenn das Ziel bekannt ist, folgen die Details. Dann beginnt die Kleinarbeit, Gespräche und Mails mit den Partnern auf Herstellerseite um Materialien, Umsetzungen von Designideen, Parts etc., sowie mit unserer langjährigen Designerin Sophie Raynaud. Sophie gestaltet nicht nur unsere Anzeigen, Banner, T-Shirts etc. für Baton Rouge, sondern sie ist auch bei mehr als der Hälfte der aktuellen Produktpalette gestalterisch mit an Bord. Dieser ganze Prozess endete zunächst bei den fünf X11/LS-Folk-Modellen. Bald gesellten sich aber noch zwei Parlor-Modelle zu den Folk-Formen (weitere fünf Modelle sind bereits für Ende 2020 in Planung).

Dann ergab sich im März 2019, dass wir einen zusätzlichen Partner auf Herstellerseite gefunden haben, der in jeglicher Hinsicht unseren Ansprüchen an Qualität wie auch Arbeitsbedingungen entspricht und zudem in der Lage ist, Instrumente zu bauen, die wir in der Art aktuell nicht anderweitig machen lassen konnten. Dadurch erfolgte eine Erweiterung um zwölf Instrumente im höherwertigen Bereich, von massiven Decken bis zu vollmassiv, mit Korpushölzern von Walnuss über Pau Ferro bis massivem Mahagoniholz. Als Hauptform hier kam die OM (Orchestra Model) zum Zug. Aber auch eine Slope Shoulder Dreadnought ist zu finden, sowie weitere Parlor-Modelle, eine Bariton und ein Akustikbass. Beides übrigens nichts aus den (19)20ern, aber da waren wir ja auch gedanklich noch nicht.

Die Idee zu „20s reloaded“ kam am Ende erst im Oktober 2019 während der Music China in Shanghai, beim Frühstück im Hotel. Irgendein Zierelement im Raum hat mich an die typischen 20er-Rahmen erinnert (siehe das Label der 20s-Edition). Da ich im Moment nach einem Stilelement für neue Ukulelen suchte, habe ich das etwas durchleuchtet, und während dieser Recherche und ein paar kurzen Gesprächen und Emails kam dann binnen Stunden eines zum anderen. Die geplanten Gitarrenmodelle passten ohnehin schon ins Bild, plus die neuen Ukulelen, das ergab plötzlich je eine Gitarren- und eine Ukulelenserie, zusammengesetzt aus je einer günstigen und einer hochwertigen Linie. Die vierte Serie von Baton Rouge war geboren. Wieder zurück in Deutschland dauerte es dann auch keine sechs Wochen mehr, bis eine Palette von 19 Gitarren und 37 Ukulelenmodellen am Start und geordert war – die Serie „20s reloaded“.

Was steht hinter „20s reloaded“? 

Nun, jetzt final jedenfalls eine vierte Serie von Baton Rouge, obwohl das so zunächst nie geplant war. Im Bereich Gitarre nach wie vor das etwas klassischere Outfit, die eher am Standard orientierte Ausstattung (keine Lasertechnik, keine extravaganten Pickup-Systeme), eine edle Schlichtheit, die, auf die 1920er bezogen, eher das Ende des Jahrzehnts, die nahende Depression in der Zurückgezogenheit aufs Wesentliche darstellt. Ganz im Gegensatz dazu präsentieren sich die Ukulelen der Serie „20s reloaded“ stilistisch in der überbordenden Ausgelassenheit des Beginns jenes Jahrzehnts mit ihren Mustern, Motiven und Farben. Auch hier z.B. mit einem Ukulele-Bass, einem Instrument, an das vor hundert Jahren sicher noch niemand gedacht hat. Dies soll auch unterstreichen, dass es nicht unser Plan war und ist, 20er-Replikas zu bauen. Wir sind der Ansicht, dass wir das heute, zumindest mit unserem Konzept, die bestmöglichen Instrumente zum erschwinglichen Preis zu bauen, weit besser können, als es damals möglich war. Daher erlauben wir es uns auch, Instrumente in der Serie zu bringen, die es damals schlicht noch nicht gab.

Wie geht man an die Recherche für so eine Serie heran?

Wie oben gesagt, in diesem Fall gar nicht, es gesellt sich manchmal einfach eines zum anderen und es wird aus ein paar Modellen mal schnell eine Serie. In anderen Fällen, z.B. der AR-Serie, die tatsächlich als Serie geplant wurde, steht am Anfang die Suche nach dem Basisdesign sowie der Grundausstattung. In dem Fall waren das die Rosette und das Inlay im Griffbrett und natürlich später der 2-Weg-Tonabnehmer BR-2P. Mal geht es so, mal so, die Idee lässt sich nicht herzaubern.

Was zeichnet Gitarren und Ukulelen aus den 1920er-Jahren aus und wie lässt sich das in die Moderne transferieren?

Um ehrlich zu sein, das habe ich vor allem designorientiert sowie geschichtlich begründet analysiert. Ich bin ja kein Gitarrenbauer oder Techniker, dafür haben wir andere Spezialisten. Es gab da schon bestimmte Stile und Moden, auch sieht man die Ausstattung der wirtschaftlichen Entwicklung folgen. 

„Wir hatten ja nie die Absicht,  20er-Gitarren als Replikas zu bauen.“

Wir sind alle hier überzeugt, daß wir heutzutage in der Lage sind, Gitarren in Serie zu bauen, die den damaligen in nichts nachstehen, aber erheblich preiswerter zu haben sind, und, das möchte ich betonen, dies weder zu Lasten der Arbeiter unserer Partner noch der Nachhaltigkeit, was Rohstoffe etc. betrifft, geht. Auch haben wir die damaligen Designs nicht kopiert, sondern uns nur daran orientiert. Wir hatten ja nie die Absicht,  20er-Gitarren als Replikas zu bauen. Das können andere besser, manche machen das ja auch tatsächlich schon seit den letzten Zwanzigern, die müssen ja gar nichts transferieren, das bleibt immer alles nur gleich. Wir aber wollen unter Ausnutzung modernster Technik einfach  nur gute, preiswerte Gitarren bauen – in dem Fall optisch an die 1920er angelehnt –  und ansonsten aber unserer Linie treu bleiben. Ready for the next Generation.

Was war die größte Schwierigkeit/Herausforderung bei der Entwicklung?

Die allergrößte Schwierigkeit ist immer der Anfang, also die Idee. Wie gesagt, selten ist es die erste, oft erst die zehnte nach vielen verworfenen. Also wenn die mal steht, kommt oft schnell eins zum anderen. Den einen oder anderen Stolperstein gibt es natürlich immer wieder, der eine unerwartete Anpassung nötig macht. Ob es jetzt in der Namensgebung, in der Machbarkeit von Details oder selbst der Logistik begründet ist. Aber wenn der Plan, die Idee mal da ist, dann finden sich auch immer Wege, es umzusetzen.

Welche Uke und welche Gitarre ist dein Favorit aus der Serie?

Meine Favoriten sind meist die simplen Instrumente. Bei den Gitarren eindeutig die X11LS/F-SCR. Einfachstes Material, laminierte Fichte als Decke und auch sonst nichts besonders Tolles, aber stabil, erstaunlich gut klingend, um nicht zu sagen für diesen Preisbereich hervorragend. Durch das Zusammenspiel von Materialwahl, Technik, Erfahrung und Know-how ein kleines Meisterwerk, optisch verfeinert durch eine bei Gitarren bisher wenig gängige Beiztechnik, die zu dem außergewöhnlichen finish führt, das ich – der gewagten Wortwahl bewusst – als „screwed crimson“ betitelt habe.

„Wie oft kann so ein Design unser Publikum natürlich spalten.“

Bei den Ukulelen ist es kein bestimmtes Modell, das mich einnimmt, sondern es sind vor allem die Modelle mit dem stilisierten Frauenkopf mit Feder als Headstock Inlay. Ich kann schlecht erklären warum, aber irgendwie passt das für mich sehr gut auf einen Ukulele-Kopf. Wie oft kann so ein Design unser Publikum natürlich spalten. Ich denk, die einen werden es lieben, die anderen als Unfug abtun. Das nehmen wir aber seit jeher bei unseren Modellen bewusst in Kauf. Ich bin jedenfalls guter Dinge, dass die Serie „20s reloaded“ mehrheitlich gut ankommen wird.

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